NoCovid Modellregion Nürnberg – Baustein Schule

Kinder sind von der Corona-Pandemie besonders betroffen, einige der kleinsten feiern nun schon ihren 2. Geburtstag unter Pandemie-Bedingungen. Es ist daher besonders wichtig, die Pandemie zu einem schnellen Ende zu bringen und die Fallzahlen so weit zu senken, dass wir Kindern wieder ein möglichst einschränkungsfreies Leben ermöglichen können.

Das ist das Ziel in der NoCovid Modellregion Nürnberg.

Die Wiederaufnahme von Schulbetrieb in Präsenz ist dabei an vier Bedingungen gekoppelt:

  • Lehrerinnen und Lehrer die Präsenzunterricht anbieten sind geimpft
  • Die Hygienepläne wurden im Bezug auf die AHA+L und Quarantäne-Regeln an die neuen Anforderungen durch die nun in Deutschland dominante Virusmutation B1.1.7 angepasst
  • Jeder Schüler erhält zwei Antigen-Schnelltests nach Hause geschickt, um sich einmal in der Vorwoche des beginnenden Präsenzunterrichts und einmal am Tag selbst zu Hause zu testen.
  • Es wird ein wirksames Testregime aus einer Mischung von PCR-basierten Pooltest an den Schulen und Schnelltests zu Hause etabliert, bevor die Schülerinnen und Schüler an die Schulen zurückkehren. Das Testkonzept muss Teil einer regionalen Public-Health-Teststrategie sein, z.B. auch mit Test in Firmen, wie im Baustein Wirtschaft beschrieben.

Begründung

Mit der Ausbreitung der deutlich ansteckenderen britischen Virusvariante B1.1.7 hat sich die Lage für Kinder und Jugendliche nochmals deutlich verschärft. Diese Variante ist deutlich ansteckender als die bisher verbreitete Wildform und sie führt öfter zu schwereren Krankheitsverläufen. Gleichzeitig wissen wir aus allen Ländern, in denen diese Mutation bereits dominant verbreitet ist, dass die Infektionsketten mit B1.1.7 in den Altersgruppen der Kinder beginnen und von dort in die Familien getragen werden. Schulen aber auch Kitas sind daher Drehscheiben für die Verbreitung des Virus, insbesondere, wenn ausschließlich auf die für die Wildform geeigneten Hygienekonzepte mit Lüften, Masken, und 1,5 Meter Abstand (AHA+L) geachtet wird, mit denen sich die Ausbreitung der ansteckenderen Varianten nicht mehr ausreichend einschränken lässt.

Aus dem Frühsommer 2020 wissen wir, dass sicherer Schulbetrieb mit Abstand und Masken möglich ist, wenn die Inzidenzen in einer Region sehr niedrig sind. Steigen die Inzidenzen in den Altersgruppen der Kinder über 35, gelang es nur in wenigen Ausnahmen die Verbreitung von Corona einzudämmen, fast immer stiegen die Inzidenzen bei geöffneten Schulen anschließend schnell an. In Nürnberg beispielsweise zu Beginn der 2. Welle mit ungeteilten Klassen, so dass die Inzidenz bei Grundschulkindern bis auf 334 anstieg, bei jungen Oberschülern auf bis zu 456 und bei den älteren Oberschülern auf bis zu 501.

Kinder erkranken ebenfalls zum Teil schwer an COVID-19, wenn auch deutlich seltener als Erwachsene. Als Folge einer Infektion beobachten Kinderärztinnen und -ärzte bei Kindern auch PIMS, auf englisch das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, also eine Entzündungserkrankung verschiedener Organe bei Kindern, eine ebenfalls seltene aber lebensbedrohliche Erkrankung. Aus England liegen die umfangreichsten Zahlen zu weiteren Folgeerkrankungen vor, die unter dem Begriff LongCovidKids zusammengefasst werden. Bei LongCovidKids treten – vor allem auch bei Kindern die infiziert waren, aber gar keine oder nur sehr wenige Symptome zeigten – eine ganze Reihe von Symptomen auf. Darunter auch Konzentrationsstörungen, Abgeschlagenheit oder schnelle Ermüdungserscheinungen, die von vielen Eltern auch als Folge dem fehlenden Schulbesuch oder allgemein der Pandemie zugeschrieben werden, wenn die COVID-19-Erkrankung gar nicht bekannt wurde. Aus Blutproben von Münchner Kindern konnten Ärzte im Sommer 2020 sehen, dass es bis zu 6-fach mehr Infektionen bei Kindern gab, als in den offiziellen Fallzahlen gemeldet wurden.

Nun in der 3. Welle kamen nach den Weihnachtsferien zuerst die Anschlussklassen der Gymnasien zurück an die bayerischen Schulen. In dieser Altersgruppe gab es nur in der KW6 eine Inzidenz unter 100, danach lag die Inzidenz immer über 100 und stieg in der Spitze in der KW10 auf 241 an. Ob die Osterferien hier eine Entspannung bieten wird sich erst noch zeigen müssen.

Auch bei den Grundschulkindern stiegen die Inzidenzen sofort nach dem Beginn von Präsenzunterricht im Wechselmodel im März 2021 über all in Bayern an. In der 3. Welle sogar oft weitaus stärker als in den älteren Altersgruppen. In Nürnberg steigen die Inzidenzen von 43 in KW 6 auf 215 in KW 10. Erstmals wurde in dieser Woche Kinder intensiv auch in den Schulen getestet. Die Fallzahlen verdoppelten sich dadurch, obwohl nur wenige Eltern ihre Einwilligung zu einem Test gaben. Das massive Testen konnte die Infektionsketten aber nicht wirksam beenden. Die ansteckendere Virusvariante B1.1.7 hatte sich bereits in die Familien verbreitet und nach einer kurzen Entspannung in KW 11 zog die Inzidenz wieder auf 253 in KW13 an. Die höchsten Inzidenz lag damit in KW13 – zugleich die ersten Osterferienwoche – bei den Grundschulkindern, gefolgt von den älteren Oberschülern. Kinder waren, wie es in vielen anderen Ländern ebenfalls so beobachtet wird, wenn dort die Verbreitung von B1.1.7 dominant wurde, überproportional an der Steigerung der Inzidenz in der Stadt Nürnberg beteiligt.

Etwa 10% der Schulkinder, die sich mit Corona infizieren, leiden an Symptomen von LongCovidKids, auch wenn diese Infektion komplett asymptomatisch oder nur sehr milde verlaufen. Wenige Kinder erkranken auch schwer an Covid-19, diese Zahl steigt proportional mit der Anzahl der Infektionen. Kinder mit Vorerkrankungen sind Risikopatienten mit einem erhöhten Risiko, ihnen ist ein sicherer Schulbesuch nur bei sehr niedrigen Inzidenzen möglich.

Der Baustein Schule muss daher in besonderer Weise von der Vorsicht bei möglichen Öffnungen von Schulen geprägt sein. Sicherer Präsenzunterricht ist nach derzeitiger wissenschaftlicher Einschätzung mit B1.1.7 nur bei deutlich geänderten Hygienemaßnahmen möglich. Liegt die Inzidenz in den Schulen über 50 in einer Altersgruppe scheint mit B1.1.7 kein sicherer Präsenzunterricht, selbst bei geteilten Klassen möglich zu sein. Bei hoher Inzidenz sind auch Testkonzepte zur Freitestung von Schulbesuch durch Antigen-Schnelltests nicht erfolgreich, wie man am Beispiel Österreichs sieht, wo trotz verpflichtender Tests für Schüler 3x pro Woche, die Inzidenz bei den Schulkindern immer weiter stieg und sich dieser Anstieg dann in den Altersgruppen der Eltern fortsetzte. Aus diesen Erfahrungen weiß man auch, dass sich Kinder niemals selbst im Klassenverband gleichzeitig selbst testen sollten. Durch das hohe Ansteckungspotential von den Varianten B1.1.7 oder P1 ist das gleichzeitige Abnehmen der Masken durch alle Kinder ohne Entlüftungsanlage oder Luftfilter mit einem hohen Infektionsrisiko verbunden.

Die NoCovid-Strategie möchte die Inzidenz über alle Altersgruppen durch wirksame Maßnahmen so schnell wie möglich senken. Mit niedrigen Inzidenzen unter 10 ist eine sicherer Schulbetrieb in diesen Grünen Zonen wieder unter weitgehend normalen Umständen möglich. Dann ist auch das Risiko für Schulkinder sich mit dem Coronavirus zu infizieren sehr gering. Für Kinder in Quarantäne ist jeweils eine digitale Teilhabe am Präsenzunterricht zu ermöglichen. Eine Möglichkeit, die auch nach Ende der Pandemie für länger erkrankte Kinder, die aber zu Hause am Unterricht teilnehmen könnten, einen großen Nutzen stiften wird.

Inzidenzbasierte Regelungen für sicheren Schulbetrieb unter Berücksichtigung der neuen Coronavirus-Mutationen in einer NoCovid Modellregion

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QR-Login am Klassenraum, außer wenn regional 14 Tage kein FallQR-Login am KlassenraumQR-Login am KlassenraumQR-Login am Klassenraum
Volle KlassenstärkeWechsel-unterrichtWechsel-unterricht Kleingruppen im
Hybridunterricht
Distanzunterricht
Masken, Verzicht wenn regional
14 Tage kein Fall
Maskenchirurgische Masken an Grundschulen,
FFP2 Masken an Oberschulen
chirurgische Masken an Grundschulen,
FFP2 Masken an Oberschulen
– / –
PCR-Schnelltest (Gurgeltest) 1x pro Woche in der Schule, Verzicht, wenn regional 14 Tage kein Fall PCR-Schnelltest (Gurgeltest) 1x pro Woche in der SchulePCR-Schnelltest (Gurgeltest) 2x pro Woche in der SchulePCR-Schnelltest (Gurgeltest) 2x pro Woche in der Schule und vor der Rückkehr an die Schule– / –
Antigen-Schnelltest 1xpro Woche zu HauseAntigen-Schnelltest 2xpro Woche zu HauseAntigen-Schnelltest 3xpro Woche zu Hause und am Ende der Vorwoche vor Rückkehr an die SchuleRegelmäßige Antigen-Schnelltests zu Hause empfohlen
Lüften nach CO2 AmpelLüften nach CO2 AmpelErweitertes Lüften nach CO2 Ampel / LuftfilterHohe Luftwechselrate und Luftfilter gemäß CDC– / –
Bei Fall in der Gruppe alle Kinder KP1 mit Quarantäne von 21 Tagen und sofortiger PCR-Kontrolle und Freitestung nach 14 TagenBei Fall in der Gruppe alle Kinder KP1 mit Quarantäne von 21 Tagen und sofortiger PCR-Kontrolle und Freitestung nach 14 TagenBei Fall in der Gruppe alle Kinder KP1 mit Quarantäne von 21 Tagen und sofortiger PCR-Kontrolle und Freitestung nach 14 TagenBei Fall in der Gruppe alle Kinder KP1 mit Quarantäne von 21 Tagen und sofortiger PCR-Kontrolle und Freitestung nach 14 Tagen– / –

Mit diesen Regelungen kann ein sicherer Schulbetrieb in Grünen Zonen ermöglicht werden. Treten wieder vermehrt Fälle auf, kann durch ein schnell ausgeweitetes verpflichtendes Testkonzept für alle Schülerinnen und Schüler eine Ausweitung der Pandemie über die Schulkinder auf die Gesamtbevölkerung weitgehend verhindert werden.

Änderungen treten unmittelbar nach Überschreiten der Inzidenzgrenzen in Kraft, da nur eine frühe, schnelle und konsequente Umsetzung von Maßnahmen auch eine schnelle Eindämmung und Absenkung der Inzidenz ermöglicht. Um eine Planungssicherheit für die Schulen und Eltern gleichermaßen zu gewährleisten gelten die Regelungen immer zunächst für 14 Tage, bis die Inzidenzgrenzen wieder dauerhaft und verlässlich unterschritten sind.

Die NoCovid-Strategie erfordert eine erhöhte Umsicht durch die Gesundheitsämter bei der Fall- und Kontaktverfolgung, niedrige Inzidenzen können vor allem dann gehalten werden, wenn Infektionsketten konsequent nachverfolgt werden. Schuleingänge an Oberschulen sind daher mit QR-Codes für die Kontaktverfolgungsfunktion der Corona-Warn-App auszustatten, die die Schüler*innen bei Betreten der Klassenräume einscannen können. So können Infektionen von Schüler*innen auch an mögliche Kontaktpersonen im ÖPNV auf den Schulwegen und im Privaten automatisch als Risikobegegnung weitergemeldet werden. Insbesondere kann so der Gefahr durch die weit ansteckenderen neuen Mutanten des Corona-Virus auch an Orten begegnet werden, an denen Kontaktnachverfolgung sehr schwierig ist, da sich die Anwesenden nur zufällig begegnen ohne sich zu kennen.

Die Bildungsungerechtigkeit durch Schulschließungen wird immer wieder für die Notwendigkeit schneller Schulöffnungen auch bei hoher Inzidenz angeführt. Dabei wird meist nicht beachtet, dass insbesondere Schulkinder, die durch ihr Umfeld besonders davon betroffen wären gleichzeitig auch ein besonders hohes Risiko für eine Infektion tragen. Insbesondere beengte Wohnverhältnisse, die eine störungsarme Teilnahme an Distanzunterricht z.B. von mehreren Kindern und mit Eltern im Homeoffice nicht sicher ermöglichen, erhöhen die Gefahr einer Infektion auch innerhalb der Familie. Ängste von Kindern vor einer Ansteckung oder einer Ansteckung von Eltern oder Großeltern sind dann besonders groß.

Die Strategie möglichst schnell durch wirksame Maßnahmen eine sehr niedrige Inzidenz zu erreichen, ist daher für Kinder egal welcher sozialen Schicht oder Altersgruppe gleichzeitig der sicherste Weg zur Rückkehr zu einem geregelten Schulunterricht an der Schule.

Der Weg dahin wird zunächst noch einige Zeit beanspruchen, da die Politik durch zu frühe Rückkehr an die Schulen und weitere Lockerungen den Erfolg des Weihnachtslockdowns zunichte gemacht hat. Es wird daher nötig sein weiter in die Verbesserung von Distanzunterricht zu investieren und z.B. das ausschließliche Anbieten von Arbeitsblättern und Wochenplänen als Schulersatz zu untersagen. Eltern in Bayern sind mit dem angebotenen Distanzunterricht derzeit oft unzufrieden. Es ist daher entscheidend das Kultusminister und Schulämter hier schon in den kommenden Wochen entscheidende Verbesserungen vornehmen. Insbesondere bei hoher Inzidenz über 50, wenn also nur noch Kleingruppen mit ausreichendem Abstand in der Schule zusammenkommen können, erfordert es das Erlernen von Techniken eines kleingruppenbasierten Hybridangebots. Einer Unterrichtsform, die sich an vielen Schulen über das letzte Jahr sehr bewährt hat.

Vor der Rückkehr an die Schule ist allen Kindern zwei Schnelltest nach Hause zu schicken, den sie wenige Tage vor dem geplanten Schulstart und nochmals am Tag des Schulstarts zu Hause selbst durchführen. Dadurch kann die Rückkehr von unerkannt infizierten Schülerinnen und Schülern weitgehend vermieden werden. Ein verpflichtender PCR-Schnelltest (Gurgeltest) an den Schulen sichert die negativen Schnelltestergebnisse auch dort ab, wo der Test gar nicht oder falsch durchgeführt wurde. Diese Tests an Schulen sind obligatorisch und täglich in einem rollierenden System an den Schulen zu wiederholen, so dass Schülerinnen und Schüler je nach Inzidenz 1 oder 2 Mal pro Woche sicher mit PCR-Tests getestet sind. Der Gurgeltest mit einem Pooling-Verfahren ist dafür das bewährteste und bereits an vielen Schulen in Bayern erfolgreich erprobte Testverfahren.

Warum Schule mit Präsenzunterricht unabhängig von der Inzidenz eine schlechte Idee ist, lesen Sie hier.

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